ANDRÄ KUNST

Kirche als Austragungsort zeitgenössischer Kultur
  • 7 Fernsehgeräte, Metallgerüst, Verglasung | 2009

    7 Flachbildfernseher hat Michael Kienzer übereinander gereiht in das Kirchenfenster montiert. Die Geräte, die nicht exakt dieselben Abmessungen haben und auch mit der Neigung der Bildfläche leicht variieren, bilden zusammen eine große Bildstele.

    Das Fenster, bzw. die einfach verglaste Fensterfläche wird zu ca. zwei Drittel von den Fernsehgeräten abgedeckt. Rechts und links vom vertikalen Geräteblock sind ca. 10 cm breite Streifen der Durchsicht nach außen möglich und ebenso frei ist der Ausblick oberhalb der Fernseher, ca. ein Viertel der Gesamtfläche.

    Das gezielte Verstellen des reinen Durchblicks nach außen ist die erste wichtige bildnerische Geste des Künstlers. Der Blick auf die benachbarte Häuserfront und Straßenszene wird behindert, bzw. nahezu verunmöglicht. Der Block der Bildmonitore wirkt wie eine große, skulpturale Jalousie, die das Naturlicht zurückweist.

    Die Fernsehgeräte sind bespielbar (mit DVD-playern vernetzt) und zeigen in der von Michael Kienzer konzipierten Grundeinstellung eine Kombination von Farben – eine Auswahl ohne angestrengte, hintergründige Konzeption. Der Künstler stellt seine Fernseherskulptur auch anderen KünstlerInnen zur Verfügung, um temporär begrenzte Bild-, Video- oder Filmprojekte zu präsentieren.

    Die technisch erzeugten Bilder auf den Fernsehschirmen kontrastieren – wie schon angedeutet – mit dem Naturlicht und Naturbild, das an den offenen Stellen hereinbricht. Diese bewusste Zwielicht Situation ist ein wesentlicher Aspekt der Arbeit Kienzers. Im mittelalterlichen Glasfenster funktionierten die bunten Scheiben wie Membrane in einer Transformation des irdischen Blicks hinein in eine transzendente, himmlische Wirklichkeit.

    Und umgekehrt waren die bunten Glasbilder die Stelle der Brechung und Visualisierung einer geistigen, göttlichen Realität, die sich in den Kirchenraum (Abbild des Himmlischen Jerusalems) hinein geoffenbart hat. In der Glasfenstergestaltung Kienzers ist an die Stelle der farbintensiven Glasbilder, die Heilsbilder erzeugen, bzw. aufleuchten lassen, in einem gegenseitigen Spannungsfeld das reine Naturlicht und das technisch generierte Fernsehbild getreten.

    Die Wirklichkeit des spirituell geschauten Himmlischen Jerusalems ist somit ersetzt durch die technisch generierbare Virtualtiät einer nahezu unbegrenzten Bilderfülle, wie wir sie als Konsumenten von Fernsehgeräten erwarten. Es geht Kienzer in seiner hochkomplexen, ständig neu bespielbaren Bildskulptur um die Frage nach dem Realen und Virtuellen, nach dem Faktischen und Fiktiven. Im sakralen Kontext der Kirche geht es um das visuell (Er-)Fassbare im Gegensatz zum begrifflich und bildhaft Un-Fassbaren, um die Frage nach der Basis für das repräsentative Bild und der tragenden Wirklichkeit im Ganzen.

  • Schmelzglasverfahren, Werkstatt Schlierbach | 2009

    Der etwas sperrige Titel verweist offensichtlich auf den Hintergrund. Das satte grüne Umfeld der Figuren könnte doch für eine tiefgrüne Wiese stehen. Aber es funktioniert etwas nicht (mehr) mit dem idyllischen Bild des Menschen und „als Hintergrund grün die Farbe der Natur“. Im Vordergrund des zweigeteilten Glasbildes sieht man in zweifacher Ausführung gespiegelt eine aggressiv ausschreitende männliche Figur mit einer Kopfmaske, die an ein Tier erinnert. Folgt man den Konturen legt sich die Assoziation mit einem Schweinskopf nahe. Aber was ist dargestellt? Ein Glückschwein oder ein perverses Schwein? Das arme Tier, das nicht gezeigt werden darf, muss für beides herhalten. In der jüdischen und muslimischen Tradition gilt es als unrein und ist verpönt. Das Schwein in unserer westlichen Wohlstandsgesellschaft ist am stärksten betroffen von einer hoch technisierten Fleischproduktion „um jeden Preis“. Das Schwein ist dem Menschen vollkommen ausgeliefert. Die Maske zeigt im Umriss vieles und doch nichts. Ohne die Brechung der Farbe dringt durch den Tierschädel das ungefilterte Licht in den Kirchenraum. Der Hintergrund also sichtbar? Bei einer direkten Sonneneinstrahlung gibt es ein Zuviel an Licht und genau dort, wo die Bildzensur eingegriffen hat, eine Unschärfe durch Überbelichtung. Also wieder eine Störung in diesem mehrfach in sich „gebrochenen Bild“.

    Was ist der Mensch? Ist der Schweinsmensch im Anmarsch? Das ist wahrscheinlich die entscheidende Frage in diesem herausfordernden Glasbild. Die grelle Farbgebung in der Manier der Popart, die irritierende Maske, die Verdoppelung der Figur und das Spiel mit Vorder- und Hintergrund verstärken die Fragestellung: Wer bist Du eigentlich, Mensch? Wovon spricht dein beherrschender Schritt? Ist es Stolz, Hochmut, eingebildete Souveränität, maßlose Selbstüberschätzung oder ähnliches mehr? In diesem Auftritt macht sich der Mensch jedenfalls zur Karikatur seiner selbst. Von Gott mit Geist und Seele ausgestattet und zur Liebe befähigt, entstellt er sich selbst und wird für sich und seine Nächsten zum lebensbedrohlichen „gemeinen Schwein“. Man denke an die Ausbeutung der Natur und an die Ausbeutung von Menschen und Staaten, die den Macht- und Wirtschaftsinteressen der Mächtigen schutzlos ausgeliefert sind. „Es sieht wie Sau aus da draußen auf dem Markt“ hat ein Aktienstratege treffend das Desaster der weltweiten Finanzkrise von 2008 beschrieben und damit auch deutlich einen hemmungslosen Kapitalismus, der sich jeder sozialen Verantwortung entzieht, beschrieben. Der Mensch kann in seiner negativen Potenz unter das Niveau eines Tieres fallen oder im Gegenteil sich zu einem heiligmäßigen Leben aufschwingen. Das Bild von Gustav Troger stellt jedenfalls in der Spiegelung und Verdoppelung des Motivs eindringlich die notwendige Wahl vor Augen: Wohin gehst Du? Das Drama des Menschen, der in seinem Wesen eine Frage ist, kann jedenfalls nur von Gott her aufgelöst werden. Das Bild bleibt eben nicht beim vorder- oder hintergründigen Grün, es stellt die Frage nach der Erlösung.

  • Digitaldruck auf Glas | 2009

    Lois Weinberger hat den alltäglichen, oft nur so dahin gesagten Seufzer Oh mein Gott! zum Ausgangspunkt seiner Gestaltung gemacht. Die drei Worte wurden von ihm wie ein ornamentales Band auf die gesamte Glasfläche gestreckt.

    Der kurze Ausrufer ist durch das Überdehnen und bewegte Ausfransen der Buchstaben nur schwer zu lesen. Erst beim zweiten Hinsehen erfasst man den knappen Text und versteht, dass es kaum um ein Begreifen geht, wenn man so banal, so zwischendurch – und dennoch ausdrücklich – Gott anruft.

    Lois Weinberger setzt hier Sprache als Bild um. Ein Bruchstück von Kommunikation – oder ist es nur ein verbaler Abfall? – wird vor Augen geführt. Es geht um das Abschreiten eines Grenzbereiches von Sprache, nicht mehr um Information, sondern um graphisch modellierte Worte, die zusammen noch einen Satzfetzen ergeben. Der Künstler zeigt uns ein zwischen Unten und Oben gescratchtes „Sprachding“.

    Und er fragt damit auch nach der Bedeutung dieses objektivierten Sagers: Oftmals wird gedankenlos der Name Gottes so dahin gesagt – eine Katharsis, eine Reinigung des Gottesgeplappers würde gut tun! – oder man formt diesen Satz doch auch ganz bewusst: OH MEIN GOTT, schau Dir bitte dieses Elend an! Ist es Dir denn nicht möglich einzugreifen? Oh mein Gott! Wer kann da noch etwas ausrichten, wenn nicht Du?

    Das Glasfenster befindet sich zwischen dem Salvator Mundi Altar (Jesus als Erlöser der Welt) und dem Namen Jesu Altar (Stirnseite des Seitenschiffes). Oh mein Gott! ist damit auch das Gebet Jesu. Nicht nur so dahingesagt, sondern an den gerichtet, der aus der Nacht des Todes befreien kann.

  • Die Fastenzeit 2009 war geprägt durch dialogisch konzipierten Fastenpredigten im Stil von spirituellen Kirchenführungen - eine konsequente Vernetzung einer Kunstpräsentation im Sakralraum.

    born 1989

    Die Aktualität des Projektes ergab sich durch die Einladung junger tschechischer Künstler, die 20 Jahre nach 1989 exemplarisch zeitgeschichtliche Erfahrungen des politischen Umbruchs im Osten Europas in Erinnerung rufen und zu einem grundsätzlichen Diskurs über menschliche Geschichte in der Polarität von Abhängigkeit und Freiheit nachdenken lassen.

    Die Auswahl der Gesprächspartner war auch diesem Thema gewidmet. Mit den eingeladenen Experten aus den Bereichen zeitgenössischer Kultur, Polik- und Geschichtswissenschaft entwickelte sich ein spannender Dialog im Kirchenraum.

    KUNST: 399149481 raumschiff fatalität

    Junge tschechische Künstler – geboren 1989 oder unmittelbar davor - machten in der Grazer Kirche St. Andrä bildnerische Interventionen und transformieren damit für 40 Tage den barocken Kirchenraum in ein kritisches Laboratorium menschlicher Freiheitsgeschichte.

    Es ging in den multimedial ausgeführten künstlerischen Arbeiten um die entscheidenden Fragen der Gestaltbarkeit historischer Abläufe, um die Möglichkeiten der Einflussnahme auf die dahinter liegenden politischen und ideologischen Systeme als auch um die Frage nach dem religiösen oder a-religiösen Bewußtseinshorizont, vor dem sich ein menschliches Individuum selbst zu definieren versucht. Die Zahl 399149481, eine computertechnisch erstellte Chiffre für das Wort Gott, war der Titel dieser kollektiven Auseinandersetzung, die den Sakralraum für sehr weit reichende Fragestellungen nutzte.

    In der Andräkirche von Graz fand in der Fastenzeit 2009 – 20 Jahre nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Diktatur im Osten Europas – im Assoziationsfeld von Mensch-Gott-Welt-Macht ein faszinierender Bilddiskurs statt, der den Besucher in ein geschichtsphilosophisches Nachdenken verstrickt und möglicherweise zu einem Widerspruch zum “raumschiff der fatalität” provoziert. Denn menschliche Geschichte ist Vorgabe und Gestaltungsaufgabe.

    PREDIGT

    Ausgangspunkt war die Tradition der Fastenpredigten und „Christenlehren”, die es in volkskirchlich geprägten Gegenden auch heute noch gibt. Aufgrund des reichen visuellen Schatzes in der Andräkirche (alte Kunst vertreten durch Werke von Hackhofer, Schokotnigg, Straub, Gschiel, u.a. und zeitgenössische Kunst vertreten mit Werken von Wilfling, Troger, Zitko, Kienzer, ILA, Neuwirth, Erjautz, u.a.) und durch das aktuelle Thema der tschechischen Kunstbeiträge angereichert waren die Predigten zur Fastenzeit 2009 als spirituelle Kirchenführungen konzipiert.

  • Fenster im Altarraum, Farbe auf Glas | 2009

    Drei nahezu quadratische Glasflächen gestaltet Ronald Kodritsch als Spielfelder des weltweit bekannten Strategiespiels Tic Tac Toe, das seit dem 12. Jhdt. historisch nachweisbar ist. Übereinander angeordnet sind drei mögliche Spielausgänge zu sehen, davon zweimal offensichtliche Pattsituationen.

    Die durchgehende Rasterung der Fläche mit den spielentsprechenden Eintragungen der Zeichen X oder O ergibt ein vertikales Ornamentband. Die auf einen Linienraster und Zeichen reduzierte Malerei (schwarze Farbe direkt auf Glas) erzeugt den Eindruck einer Strenge, die der Ernsthaftigkeit eines Strategiespieles entspricht. Es geht um den Versuch, den Gegner mit der entscheidenden dritten Markierung des eigenen Zeichens in einer horizontalen, vertikalen oder diagonalen Reihe zu besiegen.

    Die Frage: Who`s next? Wer ist als Nächster an der Reihe? bezieht sich einerseits auf den Spielverlauf und weist jedoch auch inhaltlich weit darüber hinaus. Das scheinbar belanglose Spiel kippt durch die Präsentation im sakralen Kontext in eine Bedeutungsdimension, in der es um die entscheidenden existentiellen Fragen menschlicher Existenz geht. Das Leben als Strategiespiel zwischen Himmel und Erde, zwischen Vorbestimmung und offenen, freien Spielräumen, zwischen Schicksal und menschlicher Gestaltungsmöglichkeit.

    Wird der Spielverlauf von einem überlegenen Partner diktiert oder sind zwei gleichwertige „Spieler“ am beteiligt? Wie schaut das Verhältnis zwischen Mensch und Gott aus? Bleibt für den Menschen als adäquate Haltung nur die absolute Unterwerfung oder gibt es den Freiraum einer personalen Beziehung? Wieviel an Freiheit steht dem Menschen zu und wer garantiert sie ihm? Das Glasbild von Kodritsch evoziert jedenfalls Fragen, die zum Wesentlichen religiöser Lebensdeutung gehören.

  • « Ältere Beiträge

    Neuere Beiträge »