Kirche als Austragungsort zeitgenössischer Kultur
  • HOW MANY BREADS DO YOU HAVE I Johanna Kandl 2010

    Zeichnung und Malerei in Glas gebrannt, bunte Glasplatten aufgeklebt

    Johanna Kandl, die durch ihre sozial und politisch engagierte Kunst über Österreich hinaus bekannt ist, hat in ihrer Glasfenstergestaltung ein Fest der Pfarre St. Andrä als Ausgangspunkt ihrer weiterführenden Überlegungen gewählt. Man sieht in allen Bildfeldern europäische und afrikanische Leute, Kinder und Erwachsene beim Essen vereint, am Tisch sitzend oder stehend und teilweise mit starker Gestikulation kommunizierend.

    Es handelt sich um relaxte Mahlgemeinschaften, wie sie tatsächlich bei den Festen in der Pfarre stattfinden. Im untersten Feld wird mit aufgeklebten Buntglastafeln die erste Frage gestellt, die sofort auch den Konnex zur biblischen Erzählung von der Brotvermehrung herstellt: HOW MANY BREADS DO YOU HAVE ? Es ist die Frage Jesu an die Jünger, die die Leute am Abend des Tages wegschicken wollten, weil sie offensichtlich mit einer notwendigen Speisung der Menge überfordert waren. Und vorausging bereits auch die Aufforderung: Schickt sie nicht weg, sondern “Gebt ihr ihnen zu essen!” Die ernüchternde Antwort der Jünger lautete: “Wir haben nur wei Brote und fünf Fische.” Mehr nicht. Jesus nahm diese prekäre Situation zum Anlass, das gewaltige Wunder der Bortvermehrung geschehen zu lassen. Die von Kandl zitierte Frage Jesu provoziert jedoch im Kontext unserer heutigen Gesellschaft und Weltsituation sofort die kritische Frage: Und wir? Wieviele Brote haben wir? Man müßte zugeben: Zuviele. Sogar soviele, dass wir die vielen Tonnen von Brot und anderen Nahrungsmitteln, die übrigbleiben, wegwerfen oder vernichten. Absurde und zum Himmel schreiende Fakten. Eine Milliarde von Menschen hungert – und auf der anderen Seite ein Überfluss, der die Seele der Menschen verdirbt. Spekulationen mit der Knappheit von Lebensmitteln und Saatgut auf dem Weltmarkt und ähnliches mehr.

    Kandl reiht ohne die Geste großer Anklage eine Reihe von Fragen in ihrer Glasfenstergestaltung aneinander: Wer bestimmt den Preis? Was kostet der das Getreide, der Weizen, der Reis? Wer bestimmt eigentlich den Markt und – noch viel weitreichender – die menschliche Geschichte insgesamt? Who owns history? Wer sitzt denn auf der Geschichte der Menschheit so penetrant drauf, könnte man frei übersetzen, dass es soviel an Ungleichheit und Ungerechtigkeit gibt? Wohlgemerkt, Johanna Kandl vermeitet jede vordergründige Anklage, weil der Rhythmus der Bildfolge von sehr angenehmen Mahlszenen, die sie erlebt hat, bestimmt wird. Und sogar im abschließenden Rundbogenfenster, das mit einer Szene spielender Kinder die Bildserie abschließt, kommt noch die Frage: Und was kostet die Luft?

    Das Wunder der Vermehrung menschlicher Lebenskraft, Lebensfreude, Lebensenergie, Lebenszuversicht, … wie das in jeder Heiligen Messe durch die Wandlungsworte des Priesters geschieht, wenn er die Worte Jesu über Brot und Wein spricht: “Das ist mein Leib, der für Euch hingegeben wird” – genauso findet dieses Wunder der Vermehrung von Lebensfülle statt, wenn Menschen weltweit aufwachen zu einem solidarischen Handeln, das einer globalen Verantwortung entspringt. Die Frage, die uns rettet, lautet nicht: Wie werde ich in Zukunft satt werden? sondern: Wie kann es uns gelingen, dass alle Menschen ein menschenwürdiges Dasein auf diesem Planeten führen können und nicht im Elend dahinvegetieren müssen während gleichzeitig ein sehr kleiner Teil der Weltbevölkerung mit den Folgen einer Geist und Seele tötenden Übersättigung zu kämpfen hat.

    Johanna Kandl hat in St. Andrä ein Glasfenster geschaffen, das mitten in der Kirche, in der Nähe des Altares, die wesentlichen Überlebensfragen unseres Globus mit einer scheinbaren kindlichen Leichtigkeit auflistet und so den Betrachter in ein hoffentlich fruchtbares und nachhaltiges Nachdenken verstrikt.