ANDRÄ KUNST

Kirche als Austragungsort zeitgenössischer Kultur
  • Schmelzglasverfahren, Werkstatt Schlierbach | 2009

    Der etwas sperrige Titel verweist offensichtlich auf den Hintergrund. Das satte grüne Umfeld der Figuren könnte doch für eine tiefgrüne Wiese stehen. Aber es funktioniert etwas nicht (mehr) mit dem idyllischen Bild des Menschen und „als Hintergrund grün die Farbe der Natur“. Im Vordergrund des zweigeteilten Glasbildes sieht man in zweifacher Ausführung gespiegelt eine aggressiv ausschreitende männliche Figur mit einer Kopfmaske, die an ein Tier erinnert. Folgt man den Konturen legt sich die Assoziation mit einem Schweinskopf nahe. Aber was ist dargestellt? Ein Glückschwein oder ein perverses Schwein? Das arme Tier, das nicht gezeigt werden darf, muss für beides herhalten. In der jüdischen und muslimischen Tradition gilt es als unrein und ist verpönt. Das Schwein in unserer westlichen Wohlstandsgesellschaft ist am stärksten betroffen von einer hoch technisierten Fleischproduktion „um jeden Preis“. Das Schwein ist dem Menschen vollkommen ausgeliefert. Die Maske zeigt im Umriss vieles und doch nichts. Ohne die Brechung der Farbe dringt durch den Tierschädel das ungefilterte Licht in den Kirchenraum. Der Hintergrund also sichtbar? Bei einer direkten Sonneneinstrahlung gibt es ein Zuviel an Licht und genau dort, wo die Bildzensur eingegriffen hat, eine Unschärfe durch Überbelichtung. Also wieder eine Störung in diesem mehrfach in sich „gebrochenen Bild“.

    Was ist der Mensch? Ist der Schweinsmensch im Anmarsch? Das ist wahrscheinlich die entscheidende Frage in diesem herausfordernden Glasbild. Die grelle Farbgebung in der Manier der Popart, die irritierende Maske, die Verdoppelung der Figur und das Spiel mit Vorder- und Hintergrund verstärken die Fragestellung: Wer bist Du eigentlich, Mensch? Wovon spricht dein beherrschender Schritt? Ist es Stolz, Hochmut, eingebildete Souveränität, maßlose Selbstüberschätzung oder ähnliches mehr? In diesem Auftritt macht sich der Mensch jedenfalls zur Karikatur seiner selbst. Von Gott mit Geist und Seele ausgestattet und zur Liebe befähigt, entstellt er sich selbst und wird für sich und seine Nächsten zum lebensbedrohlichen „gemeinen Schwein“. Man denke an die Ausbeutung der Natur und an die Ausbeutung von Menschen und Staaten, die den Macht- und Wirtschaftsinteressen der Mächtigen schutzlos ausgeliefert sind. „Es sieht wie Sau aus da draußen auf dem Markt“ hat ein Aktienstratege treffend das Desaster der weltweiten Finanzkrise von 2008 beschrieben und damit auch deutlich einen hemmungslosen Kapitalismus, der sich jeder sozialen Verantwortung entzieht, beschrieben. Der Mensch kann in seiner negativen Potenz unter das Niveau eines Tieres fallen oder im Gegenteil sich zu einem heiligmäßigen Leben aufschwingen. Das Bild von Gustav Troger stellt jedenfalls in der Spiegelung und Verdoppelung des Motivs eindringlich die notwendige Wahl vor Augen: Wohin gehst Du? Das Drama des Menschen, der in seinem Wesen eine Frage ist, kann jedenfalls nur von Gott her aufgelöst werden. Das Bild bleibt eben nicht beim vorder- oder hintergründigen Grün, es stellt die Frage nach der Erlösung.

  • Gustav Troger hat zusätzlich zu den zentralen Kultgegenständen auch eine der tragenden Säulen im Kirchenraum in derselben Art verspiegelt. Rein optisch wird durch dieselbe Gestaltungsweise von Altar, Ambo und Säule das horizontale Geschehen in eine starke vertikale Bewegung eingebunden.

    Wie in der Funktionsweise der barocken Hochaltäre bewirkt dieser künstlerische Eingriff eine Verlebendigung der gesamten Altarzone, ein faszinierendes Sich-Erheben des Blickes, dass die spirituelle Bewegung der Eucharistie unterstützt. Die Gaben Brot und Wein werden symbolisch für das ganze menschliche Leben zum Altar gebracht, in den Lobpreis hineingenommen und emporgehoben.

    Durch die Konsekrationsworte des Priesters werden sie zur erlösenden Lebensgabe Gottes, zu Fleisch und Blut Christi, zum Brot”, das vom Himmel kommt und der Welt das Leben bringt. Dieses faszinierende Geschehen zwischen Himmel und Erde erhält im vertikalen Lichtfluss der Spiegelsäule eine bildhafte Entsprechung.

  • Zwischen Scherben und Verklärung

    Seit der Liturgiereform des 11. Vatikanischen Konzils ist es selbstverständlich geworden, einen neuen, zentralen Altar aufstellen, an dem der Priester, zum Volk hin gewendet, die Heilige Messe feiert.

    Der einige Jahrzehnte bereits verwendete, barockförmige, an einen Sarkophag erinnernde Tischaltar (missverständlich immer noch als ,,Volksaltar” bezeichnet) wurde im Jahre 200 1 von Gustav Troger mit einer kristallinen Haut, bestehend aus gebrochenen Spiegelfragmenten, überzogen. Der gesamte Altar erscheint durch diese Gestaltung wie ein Kristall, in dem sich je nach Intensität des Lichtes der gesamte Kirchenraum optisch bündelt und bricht. Der Altar wie ein Kristall, eine strahlende und faszinierende Mitte von allem!

    Diese Assoziation lässt an das biblische Buch der Offenbarung des Johannes denken, wo der Thron Gottes und Gott selbst mit Hilfe von kostbaren Edelsteinen beschrieben werden. Der Altar ist durch die Feier der Heiligen Eucharistie der besondere und ausgezeichnete Ort der Gegenwart Gottes.

    Dankbares Staunen und Anbeten sind die entsprechenden Reaktionen, wo diese aufleuchtet und erfahrbar wird. Der Werkstoff Spiegel macht sinnlich erlebbar, dass das Leben der Menschen, die in die Kirche kommen und den Gottesdienst mitfeiern, in den Altar mit hineingenommen ist. Die äußerlich wahrgenommenen Spiegeleffekte führen somit m einer tieferen, symbolischen Ebene: Der Altar als Brennpunkt der unzähligen Lebensgeschichten einer Pfarrgemeinde!

    Darüber hinaus spiegelt sich im christlichen Altar Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi. Der Spiegel in seiner Ganzheit bezeichnet den geistigen, verklärten und tatsächlich vorhandenen „neuen Leib”, während die vielen scharfkantigen Bruchstellen, den gebrochenen, verwundeten und vom Tod begrenzten „alten Leib” ins Bewusstsein rufen.

    Die beiden Aspekte menschlichen Lebens, die Verletzbarkeit und Erlösungsbedürftigkeit auf der einen Seite als auch die schon geschenkte Befreiung, Klarheit und Erlösung auf der anderen Seite kommen durch diese künstlerische Gestaltung zum Tragen. Der unausweichliche Tod und das bereits geschenkte neue Leben bilden die innere dramatische Polarität des Altares. Die vielen Scherben sind zu einer neuen, faszinierenden Gestalt gefugt.

  • Diese multimediale Performance – in Zusammenarbeit mit dem Festival steirischerherbst – hatte die Präsentation des neuen Altars zum Anlass.