ANDRÄ KUNST

Kirche als Austragungsort zeitgenössischer Kultur
  • Fenster im Altarraum, Farbe auf Glas | 2009

    Drei nahezu quadratische Glasflächen gestaltet Ronald Kodritsch als Spielfelder des weltweit bekannten Strategiespiels Tic Tac Toe, das seit dem 12. Jhdt. historisch nachweisbar ist. Übereinander angeordnet sind drei mögliche Spielausgänge zu sehen, davon zweimal offensichtliche Pattsituationen.

    Die durchgehende Rasterung der Fläche mit den spielentsprechenden Eintragungen der Zeichen X oder O ergibt ein vertikales Ornamentband. Die auf einen Linienraster und Zeichen reduzierte Malerei (schwarze Farbe direkt auf Glas) erzeugt den Eindruck einer Strenge, die der Ernsthaftigkeit eines Strategiespieles entspricht. Es geht um den Versuch, den Gegner mit der entscheidenden dritten Markierung des eigenen Zeichens in einer horizontalen, vertikalen oder diagonalen Reihe zu besiegen.

    Die Frage: Who`s next? Wer ist als Nächster an der Reihe? bezieht sich einerseits auf den Spielverlauf und weist jedoch auch inhaltlich weit darüber hinaus. Das scheinbar belanglose Spiel kippt durch die Präsentation im sakralen Kontext in eine Bedeutungsdimension, in der es um die entscheidenden existentiellen Fragen menschlicher Existenz geht. Das Leben als Strategiespiel zwischen Himmel und Erde, zwischen Vorbestimmung und offenen, freien Spielräumen, zwischen Schicksal und menschlicher Gestaltungsmöglichkeit.

    Wird der Spielverlauf von einem überlegenen Partner diktiert oder sind zwei gleichwertige „Spieler“ am beteiligt? Wie schaut das Verhältnis zwischen Mensch und Gott aus? Bleibt für den Menschen als adäquate Haltung nur die absolute Unterwerfung oder gibt es den Freiraum einer personalen Beziehung? Wieviel an Freiheit steht dem Menschen zu und wer garantiert sie ihm? Das Glasbild von Kodritsch evoziert jedenfalls Fragen, die zum Wesentlichen religiöser Lebensdeutung gehören.

  • Gewölbte Plexiglasscheiben, geschmiedete Gitter | 2008

    Die Fenster der Taufkapelle wurden von Manfred Erjautz in ein Raum gestaltendes Gesamtkonzept eingebunden. Die Plexiglasflächen zeigen eine extreme Wölbung (Tiefe der Ausbuchtung: 72 cm), die entsprechend in den barocken Gittern nachgeformt wurde. Die Gitter und ausgebuchteten Gläser zeigen sich in der konvexen und konkaven Form wie zwei ineinander liegende Schalen. Im Aussehen und in der handwerklichen Gestaltung entsprechen die Gitter vollkommen den barocken Vorlagen.

    Die horizontale Blick-Bewegung des Betrachters, die durch die Fenstergestaltung von Manfred Erjautz provoziert wird, ist eine im Kapellenraum logische Ergänzung zum starken vertikalen Bild- und Gedankennfluss des Dreifaltigkeitsaltares. Der höchst qualitätsvolle Altar stammt von Philip Jakob Straub aus dem Jahr 1770. Der dreifaltige Gott offenbart sich (Gottvater heraustanzend aus den Wolken, der Geist in ausfließenden Feuerzungen und Christus am Kreuz als extrem gelängte menschliche Figur) in einem vertikalen Kommunikationsfluß von oben nach unten, der durch das nach oben gerichtete flehende Händeringen von Magdalena beantwortet wird.

    Diese „Vertikale der erlösenden und heilenden Selbstmitteilung Gottes“ wird von Manfred Erjautz durch den Einsatz einer einfachen bildnerischen Geste in eine dynamische Horizontale eingebunden. Die linke Fensterwölbung, die nach Innen ausragt, findet in der Wölbung des Glases und Gitters nach Außen auf der gegenüberliegenden Seite ihre logische Fortsetzung. Ein horizontaler Energieschub, eine wie auch immer deutbare Druckwelle ist überzeugend nachvollziehbar. Durch den klaren bildnerischen Eingriff von Erjautz wird der gesamte Raum in ein geistiges Geschehen eingebunden.

    Das Betrachten des Altares erhält eine nachvollziehbare Erlebnisdimension, die die dargestellte Heilsdramatik verstärkt und (fast fühlbar) näher heranbringt. Außerdem greift das abgebildete und dramatisch inszenierte Geschehen über den Kapellenraum hinaus.

  • Transparente Farbglasscheiben, Farbanstrich | 2008

    Die Künstlerin Flora Neuwirth übernimmt die ursprüngliche Einteilung der Glasfenster in 8 Felder. Die Farbe Magenta kommt sowohl in transparenter Weise bei den Gläsern vor (Doppelscheibe mit Farbfolie dazwischen), als auch im Anstrich der verbindenden Eisenstege und als Wandfarbe in der Fensterlaibung.

    Der unterschiedliche Einsatz derselben Farbe – transparentes Glasfenster, Objektfarbe, Wandmalerei – führt auch vor Augen, dass es in der kirchlichen Bildtradition Farbwirkung durch das Filtern von einstrahlendem Sonnenlicht erzielt wird (traditionelle Glasfenstermalerei), durch das Bemalen von Objekten (Altaraufbauten, Skulpturen, …) und durch den Auftrag von Farbe auf Wand (klassische Wandmalerei).

    Die Farbe Magenta ist eine der drei Hauptfarben im standardisierten Vierfarbendruck (CMYK-System: Cyan, Magenta, Yellow und K für Kontrast), mit dem all unsere alltäglichen Druckwerke hergestellt werden. Die Reduktion auf eine Farbe ist der Versuch einer modellhaften Reduktion des Vielen (unüberschaubare Menge von Druckwerken, Bilderfluten in den Medien und in der Werbung, …) auf einen Grundbaustein, um zu einer Wahrnehmung des Wesentlichen zu kommen.

    Zugleich aber zielt die riesige Farbfläche der einen Farbe auf ein Überwältigen des Betrachters ab, der in das Erlebnis von (Farb-)Fülle abtauchen kann oder auch davor zurückschrecken wird. „Who is afraid of Magenta?“ könnte man in Abwandlung eines berühmten Bildtitels von Barnett Newman fragen. Eine Farbe wird im Erleben des Betrachters zur Erfahrung des Ganzen.

    Flora Neuwirth verwendet somit einen minimalen Baustein alltäglicher Lebenswelt und setzt ihn so konzentriert und massiv ein, dass er die Erfahrung einer übergreifenden Dimension möglich macht. Die durchaus meditative Qualität des transparenten Magenta-Fensters wird noch durch die Farbfilterwirkung unterstrichen. Alles, was sich im Ausblick auf die gegenüberliegende Häuserfront oder im Blick auf Wolkenformationen erfassen lässt, erscheint verwandelt im Magenta-Farbton.

    Der Betrachter steigt ein in ein faszinierendes Spiel optischer Transformation – und erlebt vielleicht mehr als nur das.

  • Markus Wilfling, o.T.

    Tür in Fenster montiert | 2002

    Gewohntes Erkennen und Begreifen wird durch das Glasfenster von Markus Wilfling an eine Grenze geführt. Der steirische Künstler hat im Herbst 2002 durch seine unaufdringliche, aber umso effizienter wirkende Kunstarbeit eine paradoxe Situation geschaffen. Eine aluminiumgerahmte Glastür, wie man sie im Handel erhält, schwebt in einer freien, transparenten Glasfläche.

    Eine Tür im Fenster, ein interessanter und lächerlicher Widerspruch zugleich, ein Nonsens als Sehhilfe. Ein erster biblischer Bezug lässt sich im Buch der Offenbarung finden. Der apokalyptische Seher Johannes sah eine geöffnete Tür am Himmel. Prophetisch sah er das, was ist, und all das, was sich hinter der Oberfläche des aktuellen Weltgeschehens abspielt.

    Durch die Tür im Fenster wird der sakrale Raum als abgeschirmter, isolierter Raum in Frage gestellt. Natürliches Licht dringt ungebrochen in den Kirchenraum. Der Bezug und Gegensatz von außen und innen, alltäglicher Welt und sakralem Kultraum wird bewusster wahrnehmbar. Das Profane und Heilige befindet sich in einem versöhnten und zugleich streitbaren Verhältnis.

    Eine Tür im Fenster kann verstanden werden als eine Tür am Himmel, ein Hoffnungszeichen, dass unsere menschliche Existenz nicht nur bodenlastig ist, sondern einen himmlischen Bezugspunkt hat. Menschliche Geschichte ist trotz allem mehr als nur eine Geschichte der Sieger, eine Geschichte des ständigen Kampfes, der himmelschreienden Ungerechtigkeit und des Todes. Eine Tür am Himmel ist ein starkes Zeichen. Ein Wort Jesu könnte als direkter biblischer Bezug dienen:

    „Ich bin die Tür. Wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden.” (Joh 10,9)

    So kann die Tür im Fenster auch als Verweis auf Christus verstanden werden. Er ist der Zugang zum unergründlichen Geheimnis Gottes und gleichzeitig die Tür zu einem tatsächlichen Verständnis, was der Mensch in seinem tiefsten Wesen ist. Der menschgewordene Sohn Gottes ist die Schnittstelle zwischen Himmel und Erde. und als Gekreuzigter und Auferstandener die Tür zu einem neuen Leben.

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