Kirche als Austragungsort zeitgenössischer Kultur
  • Altar | Gustav Troger, 2001/02

    Zwischen Scherben und Verklärung

    Seit der Liturgiereform des 11. Vatikanischen Konzils ist es selbstverständlich geworden, einen neuen, zentralen Altar aufstellen, an dem der Priester, zum Volk hin gewendet, die Heilige Messe feiert.

    Der einige Jahrzehnte bereits verwendete, barockförmige, an einen Sarkophag erinnernde Tischaltar (missverständlich immer noch als ,,Volksaltar” bezeichnet) wurde im Jahre 200 1 von Gustav Troger mit einer kristallinen Haut, bestehend aus gebrochenen Spiegelfragmenten, überzogen. Der gesamte Altar erscheint durch diese Gestaltung wie ein Kristall, in dem sich je nach Intensität des Lichtes der gesamte Kirchenraum optisch bündelt und bricht. Der Altar wie ein Kristall, eine strahlende und faszinierende Mitte von allem!

    Diese Assoziation lässt an das biblische Buch der Offenbarung des Johannes denken, wo der Thron Gottes und Gott selbst mit Hilfe von kostbaren Edelsteinen beschrieben werden. Der Altar ist durch die Feier der Heiligen Eucharistie der besondere und ausgezeichnete Ort der Gegenwart Gottes.

    Dankbares Staunen und Anbeten sind die entsprechenden Reaktionen, wo diese aufleuchtet und erfahrbar wird. Der Werkstoff Spiegel macht sinnlich erlebbar, dass das Leben der Menschen, die in die Kirche kommen und den Gottesdienst mitfeiern, in den Altar mit hineingenommen ist. Die äußerlich wahrgenommenen Spiegeleffekte führen somit m einer tieferen, symbolischen Ebene: Der Altar als Brennpunkt der unzähligen Lebensgeschichten einer Pfarrgemeinde!

    Darüber hinaus spiegelt sich im christlichen Altar Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi. Der Spiegel in seiner Ganzheit bezeichnet den geistigen, verklärten und tatsächlich vorhandenen „neuen Leib”, während die vielen scharfkantigen Bruchstellen, den gebrochenen, verwundeten und vom Tod begrenzten „alten Leib” ins Bewusstsein rufen.

    Die beiden Aspekte menschlichen Lebens, die Verletzbarkeit und Erlösungsbedürftigkeit auf der einen Seite als auch die schon geschenkte Befreiung, Klarheit und Erlösung auf der anderen Seite kommen durch diese künstlerische Gestaltung zum Tragen. Der unausweichliche Tod und das bereits geschenkte neue Leben bilden die innere dramatische Polarität des Altares. Die vielen Scherben sind zu einer neuen, faszinierenden Gestalt gefugt.