Andrä Kunst

Kirche als Austragungsort zeitgenössischer Kultur
  • Sich mit aktueller Kunst zu beschäftigen ist eine Form der Gastfreundschaft, die unserer katholischen Kirche von ihrem Ursprung her aufgetragen ist. Unter dem Logo „Andrä  Kunst“ läuft seit Dezember 1999 eine permanente Auseinandersetzung mit zeitgenössischem Kulturschaffen im Kirchenraum von St. Andrä. Die Kirche wird dabei nicht als Ausstellungsraum behandelt, sondern als spirituell definierter Raum Gottes und der Menschen, in dem gezielte Interventionen einen wichtigen Dialog eröffnen.

    Wir möchten Sie herzlich zur Erforschung von 10 Jahren Andrä Kunst einladen!

    Sie  finden bereits Informationen über die Fenster und den Spiegelaltar in der Kirche St. Andrä! Auch die Ausstellung 10 Jahre Andrä Kunst und ein Projekt aus der Fastenzeit 2009 sind bereits ONLINE. Mehr in KÜRZE!

    Ihr Pfarrer Hermann Glettler

  • Logo - Best of AndräKunst 

     

    Ort: nextAndrä, Raum für Kunst und Begegnung,
    Kernstockgasse 20, 8020 Graz, vis a vis Andräkirche

    Zeit: 1. Dezember 2009 – 31. Jänner 2010
    Öffnungszeiten: Di – Sa, 14:00 – 18:30 Uhr

    Folgende Arbeiten sind ausgestellt:

    1. Gustav Troger, Weißes, weißes Album, 2001/2009
    Rocaillekartusche in zweifacher Ausführung – Original aus dem 18. Jhdt. (früher am provisorischen Altar, jetzt in Dominikuskapelle) und verspiegelte Version (Details des neuen Altars); Glasprobe aus der Glaskunstwerkstätte Schlierbach – das zensurierte Bild aus dem neuen Glasfenster; Dirigentenscheibe aus der Performance im Herbst 2001; Videodokumentation „Trilemma“

    2. Otto Zitko, Figur überzeichnet, 2003
    In Zusammenhang mit der Raumzeichnung 2003 in der Andreaskapelle (linke Seitenkapelle der Andräkirche) entstand eine Serie von überarbeiteten Lithographien (Auflage 8 Stück).

    3. Ronald Kodritsch, Tic Tac Toe, 2009
    Zwei Entwürfe, Gouache auf Papier, zur Gestaltung eines Glasfensters in der Andräkirche. Die Entscheidung fiel auf die Umsetzung von Tic Tac Toe, einem weltbekannten Strategiespiel, das seit dem 12. Jhdt. historisch nachweisbar ist.

    4. Michael Kienzer, Gott/Wort/Fleisch/Zeit/Raum/Erinnerung, 1997/2004
    Bedruckte Folien zwischen Plexiglasplatten, verschraubt und montiert, Edition: Artelier, Auflage 12 Stück; Die Wortobjekte sind in Zusammenhang mit dem monumentalen Glasobjekt entstanden, das in der Dominikuskapelle als Ambo in Verwendung ist.

    5. Günther Holler-Schuster, Cross over, Messkleid
    Die von Günther Holler-Schuster bereits 1995 entworfene (und von W. Staber ausgeführte) Kasel aus Lammleder ist Teil einer Kollektion von zeitgenössischen Messkleidern, die teilweise in einem Zusammenhang mit AndräKunst stehen.

    6. Peter Manhal, open end / kreuz an kreuz, 2000
    Die Fotos von Branko Lenart und Hannes Pötscher dokumentieren die erste zeitgenössische Fastentuch-Intervention von AndräKunst. Am Aschermittwoch war in einer 3D-Projektion (Technik: H. Pötscher) ein menschlicher Totenschädel zu sehen („open end“) und am Karfreitag Mann und Frau, Rücken an Rücken, bzw. „kreuz an kreuz“.

    7. Jan Broz, Point of Contrast, 2009
    Analog-Photografie zwischen Glas und Aluminiumplatte, an die Wand gelehnt. Die Fotoarbeit und die Art der Aufstellung bezieht sich auf die Fastenzeit-Intervention 2009. Unter dem Titel „born 1989“ wurden 10 junge tschechische KünstlerInnen für ein Statement in die Kirche eingeladen. Das Foto wurde in der Dreifaltigkeitskapelle der Andräkirche aufgenommen und auch dort präsentiert.

    8. Karl Karner und Linda Samaraweerová, Karl Karner gestorben am, 2008
    Die Fotodokumentation zeigt einige Momente der multimedialen Performance „Karl Karner gestorben am“, die am 1. und 2. März 2008 in der Andräkirche stattgefunden hat – in Zusammenhang mit einer skulpturalen Fastenzeit Intervention: Ein monströses Eichhörnchen, das die genannte Grabinschrift zeigt, stand für 40 Tage im Kirchenraum.

    9. Flora Neuwirth, Werkstoff, 1999 – 2009, Edition: Artelier
    Die Magenta Plexiglasscheiben sind Teil einer Edition mit dem Titel „Werkstoff“ und beziehen sich in dieser Ausstellung auf die Fensterarbeit der Künstlerin „1 Fenster Magenta“, die 2008 entstanden ist.

    10. Manfred Erjautz, A fact (in die Leere der eigenen Existenz)
    Das 2004 von Manfred Erjautz entworfene Kultgewand funktioniert wie eine transparente textile Maske, um die Frage nach Identität im rituellen, kultischen Kontext priesterlicher Handlung und Existenz neu zu formulieren.

    11. Christian Eisenberger, Error No Signal, 40 Tage, 2007
    Grafit auf Papier; Foto; Körperhülle aus Klebeband, Kreuz aus Wasserwaagen.
    Die Zeichnungen sind Vorarbeiten (Proben) zu einer ritualisierten Kunstproduktion zwischen 16.00 und 18.00 Uhr, wie es auf den genau täglich in diesem Zeitraum entstandenen Blättern vermerkt ist. Christian Eisenberger hat sich 40 Tage lang in der Kirche wie ein Kunst-Eremit aufgehalten: Wohnen, Kochen, Waschen, Schlafen, Lesen, Kunstproduktion und täglich eine Stunde Tee – im Schweigen – mit den BesucherInnen.

    12. Branko Lenart, Mahl in der Kirche, 2003
    Die Fotoarbeiten dokumentieren das eindrucksvolle Mahl, das es am Abend des Fronleichnamstages 2003 in der Kirche gegeben hat. Serviert wurden Fisch, Brot, Wasser und Wein. Nach dem gemeinsamen symbolischen Mahl, gab es eine Performance von 12 Personen, die ihre Speisen von 12 Tellern eingenommen haben, auf deren Unterseite Tonabnehmer montiert waren. Das so gewonnene Geräusch wurde verstärkt und gemischt in den Kirchenraum übertragen (Konzeption: Heimo Schäfer)

    13. Markus Wilfling, o.T., (up and down), 2006
    Die vier angeschnittenen Stühle bildeten einen Teil einer mehrteiligen Kunstintervention von Markus Wilfling in der Andräkirche im Herbst 2005. Zusätzlich zum bereits 2001 entstandenen Fenster, gab es im Kirchenraum ein Sprungbrett zu sehen (Miami Blue) und eine Schaukel, die als fixer Ausstattungsbestandteil in der Andräkirche verblieben ist.

    14. Michael Gumhold, o.T., unsichtbar, dafür hörbar, 2006
    Musikkassetten, Kabelbinder. In der Ausstellung ist ein Teilstück eines wesentlich größeren Bild-objektteppichs zu sehen, der als zeitgenössiche Formulierung des traditionellen Fastentuches vor dem Hauptaltar abgehängt war.

    15. IRWIN, Prozession, Inter-Nationalfeiertag 26. Oktober 2008
    Das Foto zeigt den Pfarrer Hermann Glettler inmitten der liturgischen Assistenz, eine „IRWIN-Ikone“ tragend.

    16. Walter Köstenbauer, ent.tarnung mensch, 2004
    Die Fotoserie von Walter Köstenbauer war Bestandteil einer Fastentuch Neuformulierung in der Andräkirche im Frühjahr 2004. Die hier gezeigten Fotos waren seitlich zwischen Rahmen und Leinwand in die Kreuzwegbilder hineingesteckt. Die Kleidungsstücke der abgebildeten Personen nehmen Bezug auf das Fastentuch, das aus vielen unterschiedlichen Camouflagestoffen, wie sie tatsächlich weltweit in den Armeen im Gebrauch sind, komponiert war.

    Einige Exemplare der Zeichnungen von Otto Zitko, der Wortobjekte von Michael Kienzer und der Legokreuze von Manfred Erjautz können als Bausteine zur Unterstützung von AndräKunst – gegen eine Spende – auf Anfrage erworben werden.

  • 7 Fernsehgeräte, Metallgerüst, Verglasung | 2009

    7 Flachbildfernseher hat Michael Kienzer übereinander gereiht in das Kirchenfenster montiert. Die Geräte, die nicht exakt dieselben Abmessungen haben und auch mit der Neigung der Bildfläche leicht variieren, bilden zusammen eine große Bildstele.

    Das Fenster, bzw. die einfach verglaste Fensterfläche wird zu ca. zwei Drittel von den Fernsehgeräten abgedeckt. Rechts und links vom vertikalen Geräteblock sind ca. 10 cm breite Streifen der Durchsicht nach außen möglich und ebenso frei ist der Ausblick oberhalb der Fernseher, ca. ein Viertel der Gesamtfläche.

    Das gezielte Verstellen des reinen Durchblicks nach außen ist die erste wichtige bildnerische Geste des Künstlers. Der Blick auf die benachbarte Häuserfront und Straßenszene wird behindert, bzw. nahezu verunmöglicht. Der Block der Bildmonitore wirkt wie eine große, skulpturale Jalousie, die das Naturlicht zurückweist.

    Die Fernsehgeräte sind bespielbar (mit DVD-playern vernetzt) und zeigen in der von Michael Kienzer konzipierten Grundeinstellung eine Kombination von Farben – eine Auswahl ohne angestrengte, hintergründige Konzeption. Der Künstler stellt seine Fernseherskulptur auch anderen KünstlerInnen zur Verfügung, um temporär begrenzte Bild-, Video- oder Filmprojekte zu präsentieren.

    Die technisch erzeugten Bilder auf den Fernsehschirmen kontrastieren – wie schon angedeutet – mit dem Naturlicht und Naturbild, das an den offenen Stellen hereinbricht. Diese bewusste Zwielicht Situation ist ein wesentlicher Aspekt der Arbeit Kienzers. Im mittelalterlichen Glasfenster funktionierten die bunten Scheiben wie Membrane in einer Transformation des irdischen Blicks hinein in eine transzendente, himmlische Wirklichkeit.

    Und umgekehrt waren die bunten Glasbilder die Stelle der Brechung und Visualisierung einer geistigen, göttlichen Realität, die sich in den Kirchenraum (Abbild des Himmlischen Jerusalems) hinein geoffenbart hat. In der Glasfenstergestaltung Kienzers ist an die Stelle der farbintensiven Glasbilder, die Heilsbilder erzeugen, bzw. aufleuchten lassen, in einem gegenseitigen Spannungsfeld das reine Naturlicht und das technisch generierte Fernsehbild getreten.

    Die Wirklichkeit des spirituell geschauten Himmlischen Jerusalems ist somit ersetzt durch die technisch generierbare Virtualtiät einer nahezu unbegrenzten Bilderfülle, wie wir sie als Konsumenten von Fernsehgeräten erwarten. Es geht Kienzer in seiner hochkomplexen, ständig neu bespielbaren Bildskulptur um die Frage nach dem Realen und Virtuellen, nach dem Faktischen und Fiktiven. Im sakralen Kontext der Kirche geht es um das visuell (Er-)Fassbare im Gegensatz zum begrifflich und bildhaft Un-Fassbaren, um die Frage nach der Basis für das repräsentative Bild und der tragenden Wirklichkeit im Ganzen.

  • Schmelzglasverfahren, Werkstatt Schlierbach | 2009

    Der etwas sperrige Titel verweist offensichtlich auf den Hintergrund. Das satte grüne Umfeld der Figuren könnte doch für eine tiefgrüne Wiese stehen. Aber es funktioniert etwas nicht (mehr) mit dem idyllischen Bild des Menschen und „als Hintergrund grün die Farbe der Natur“. Im Vordergrund des zweigeteilten Glasbildes sieht man in zweifacher Ausführung gespiegelt eine aggressiv ausschreitende männliche Figur mit einer Kopfmaske, die an ein Tier erinnert. Folgt man den Konturen legt sich die Assoziation mit einem Schweinskopf nahe. Aber was ist dargestellt? Ein Glückschwein oder ein perverses Schwein? Das arme Tier, das nicht gezeigt werden darf, muss für beides herhalten. In der jüdischen und muslimischen Tradition gilt es als unrein und ist verpönt. Das Schwein in unserer westlichen Wohlstandsgesellschaft ist am stärksten betroffen von einer hoch technisierten Fleischproduktion „um jeden Preis“. Das Schwein ist dem Menschen vollkommen ausgeliefert. Die Maske zeigt im Umriss vieles und doch nichts. Ohne die Brechung der Farbe dringt durch den Tierschädel das ungefilterte Licht in den Kirchenraum. Der Hintergrund also sichtbar? Bei einer direkten Sonneneinstrahlung gibt es ein Zuviel an Licht und genau dort, wo die Bildzensur eingegriffen hat, eine Unschärfe durch Überbelichtung. Also wieder eine Störung in diesem mehrfach in sich „gebrochenen Bild“.

    Was ist der Mensch? Ist der Schweinsmensch im Anmarsch? Das ist wahrscheinlich die entscheidende Frage in diesem herausfordernden Glasbild. Die grelle Farbgebung in der Manier der Popart, die irritierende Maske, die Verdoppelung der Figur und das Spiel mit Vorder- und Hintergrund verstärken die Fragestellung: Wer bist Du eigentlich, Mensch? Wovon spricht dein beherrschender Schritt? Ist es Stolz, Hochmut, eingebildete Souveränität, maßlose Selbstüberschätzung oder ähnliches mehr? In diesem Auftritt macht sich der Mensch jedenfalls zur Karikatur seiner selbst. Von Gott mit Geist und Seele ausgestattet und zur Liebe befähigt, entstellt er sich selbst und wird für sich und seine Nächsten zum lebensbedrohlichen „gemeinen Schwein“. Man denke an die Ausbeutung der Natur und an die Ausbeutung von Menschen und Staaten, die den Macht- und Wirtschaftsinteressen der Mächtigen schutzlos ausgeliefert sind. „Es sieht wie Sau aus da draußen auf dem Markt“ hat ein Aktienstratege treffend das Desaster der weltweiten Finanzkrise von 2008 beschrieben und damit auch deutlich einen hemmungslosen Kapitalismus, der sich jeder sozialen Verantwortung entzieht, beschrieben. Der Mensch kann in seiner negativen Potenz unter das Niveau eines Tieres fallen oder im Gegenteil sich zu einem heiligmäßigen Leben aufschwingen. Das Bild von Gustav Troger stellt jedenfalls in der Spiegelung und Verdoppelung des Motivs eindringlich die notwendige Wahl vor Augen: Wohin gehst Du? Das Drama des Menschen, der in seinem Wesen eine Frage ist, kann jedenfalls nur von Gott her aufgelöst werden. Das Bild bleibt eben nicht beim vorder- oder hintergründigen Grün, es stellt die Frage nach der Erlösung.

  • Digitaldruck auf Glas | 2009

    Lois Weinberger hat den alltäglichen, oft nur so dahin gesagten Seufzer Oh mein Gott! zum Ausgangspunkt seiner Gestaltung gemacht. Die drei Worte wurden von ihm wie ein ornamentales Band auf die gesamte Glasfläche gestreckt.

    Der kurze Ausrufer ist durch das Überdehnen und bewegte Ausfransen der Buchstaben nur schwer zu lesen. Erst beim zweiten Hinsehen erfasst man den knappen Text und versteht, dass es kaum um ein Begreifen geht, wenn man so banal, so zwischendurch – und dennoch ausdrücklich – Gott anruft.

    Lois Weinberger setzt hier Sprache als Bild um. Ein Bruchstück von Kommunikation – oder ist es nur ein verbaler Abfall? – wird vor Augen geführt. Es geht um das Abschreiten eines Grenzbereiches von Sprache, nicht mehr um Information, sondern um graphisch modellierte Worte, die zusammen noch einen Satzfetzen ergeben. Der Künstler zeigt uns ein zwischen Unten und Oben gescratchtes „Sprachding“.

    Und er fragt damit auch nach der Bedeutung dieses objektivierten Sagers: Oftmals wird gedankenlos der Name Gottes so dahin gesagt – eine Katharsis, eine Reinigung des Gottesgeplappers würde gut tun! – oder man formt diesen Satz doch auch ganz bewusst: OH MEIN GOTT, schau Dir bitte dieses Elend an! Ist es Dir denn nicht möglich einzugreifen? Oh mein Gott! Wer kann da noch etwas ausrichten, wenn nicht Du?

    Das Glasfenster befindet sich zwischen dem Salvator Mundi Altar (Jesus als Erlöser der Welt) und dem Namen Jesu Altar (Stirnseite des Seitenschiffes). Oh mein Gott! ist damit auch das Gebet Jesu. Nicht nur so dahingesagt, sondern an den gerichtet, der aus der Nacht des Todes befreien kann.

  • Die Fastenzeit 2009 war geprägt durch dialogisch konzipierten Fastenpredigten im Stil von spirituellen Kirchenführungen - eine konsequente Vernetzung einer Kunstpräsentation im Sakralraum.

    born 1989

    Die Aktualität des Projektes ergab sich durch die Einladung junger tschechischer Künstler, die 20 Jahre nach 1989 exemplarisch zeitgeschichtliche Erfahrungen des politischen Umbruchs im Osten Europas in Erinnerung rufen und zu einem grundsätzlichen Diskurs über menschliche Geschichte in der Polarität von Abhängigkeit und Freiheit nachdenken lassen.

    Die Auswahl der Gesprächspartner war auch diesem Thema gewidmet. Mit den eingeladenen Experten aus den Bereichen zeitgenössischer Kultur, Polik- und Geschichtswissenschaft entwickelte sich ein spannender Dialog im Kirchenraum.

    KUNST: 399149481 raumschiff fatalität

    Junge tschechische Künstler – geboren 1989 oder unmittelbar davor - machten in der Grazer Kirche St. Andrä bildnerische Interventionen und transformieren damit für 40 Tage den barocken Kirchenraum in ein kritisches Laboratorium menschlicher Freiheitsgeschichte.

    Es ging in den multimedial ausgeführten künstlerischen Arbeiten um die entscheidenden Fragen der Gestaltbarkeit historischer Abläufe, um die Möglichkeiten der Einflussnahme auf die dahinter liegenden politischen und ideologischen Systeme als auch um die Frage nach dem religiösen oder a-religiösen Bewußtseinshorizont, vor dem sich ein menschliches Individuum selbst zu definieren versucht. Die Zahl 399149481, eine computertechnisch erstellte Chiffre für das Wort Gott, war der Titel dieser kollektiven Auseinandersetzung, die den Sakralraum für sehr weit reichende Fragestellungen nutzte.

    In der Andräkirche von Graz fand in der Fastenzeit 2009 – 20 Jahre nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Diktatur im Osten Europas – im Assoziationsfeld von Mensch-Gott-Welt-Macht ein faszinierender Bilddiskurs statt, der den Besucher in ein geschichtsphilosophisches Nachdenken verstrickt und möglicherweise zu einem Widerspruch zum “raumschiff der fatalität” provoziert. Denn menschliche Geschichte ist Vorgabe und Gestaltungsaufgabe.

    PREDIGT

    Ausgangspunkt war die Tradition der Fastenpredigten und „Christenlehren”, die es in volkskirchlich geprägten Gegenden auch heute noch gibt. Aufgrund des reichen visuellen Schatzes in der Andräkirche (alte Kunst vertreten durch Werke von Hackhofer, Schokotnigg, Straub, Gschiel, u.a. und zeitgenössische Kunst vertreten mit Werken von Wilfling, Troger, Zitko, Kienzer, ILA, Neuwirth, Erjautz, u.a.) und durch das aktuelle Thema der tschechischen Kunstbeiträge angereichert waren die Predigten zur Fastenzeit 2009 als spirituelle Kirchenführungen konzipiert.

  • Fenster im Altarraum, Farbe auf Glas | 2009

    Drei nahezu quadratische Glasflächen gestaltet Ronald Kodritsch als Spielfelder des weltweit bekannten Strategiespiels Tic Tac Toe, das seit dem 12. Jhdt. historisch nachweisbar ist. Übereinander angeordnet sind drei mögliche Spielausgänge zu sehen, davon zweimal offensichtliche Pattsituationen.

    Die durchgehende Rasterung der Fläche mit den spielentsprechenden Eintragungen der Zeichen X oder O ergibt ein vertikales Ornamentband. Die auf einen Linienraster und Zeichen reduzierte Malerei (schwarze Farbe direkt auf Glas) erzeugt den Eindruck einer Strenge, die der Ernsthaftigkeit eines Strategiespieles entspricht. Es geht um den Versuch, den Gegner mit der entscheidenden dritten Markierung des eigenen Zeichens in einer horizontalen, vertikalen oder diagonalen Reihe zu besiegen.

    Die Frage: Who`s next? Wer ist als Nächster an der Reihe? bezieht sich einerseits auf den Spielverlauf und weist jedoch auch inhaltlich weit darüber hinaus. Das scheinbar belanglose Spiel kippt durch die Präsentation im sakralen Kontext in eine Bedeutungsdimension, in der es um die entscheidenden existentiellen Fragen menschlicher Existenz geht. Das Leben als Strategiespiel zwischen Himmel und Erde, zwischen Vorbestimmung und offenen, freien Spielräumen, zwischen Schicksal und menschlicher Gestaltungsmöglichkeit.

    Wird der Spielverlauf von einem überlegenen Partner diktiert oder sind zwei gleichwertige „Spieler“ am beteiligt? Wie schaut das Verhältnis zwischen Mensch und Gott aus? Bleibt für den Menschen als adäquate Haltung nur die absolute Unterwerfung oder gibt es den Freiraum einer personalen Beziehung? Wieviel an Freiheit steht dem Menschen zu und wer garantiert sie ihm? Das Glasbild von Kodritsch evoziert jedenfalls Fragen, die zum Wesentlichen religiöser Lebensdeutung gehören.

  • Gewölbte Plexiglasscheiben, geschmiedete Gitter | 2008

    Die Fenster der Taufkapelle wurden von Manfred Erjautz in ein Raum gestaltendes Gesamtkonzept eingebunden. Die Plexiglasflächen zeigen eine extreme Wölbung (Tiefe der Ausbuchtung: 72 cm), die entsprechend in den barocken Gittern nachgeformt wurde. Die Gitter und ausgebuchteten Gläser zeigen sich in der konvexen und konkaven Form wie zwei ineinander liegende Schalen. Im Aussehen und in der handwerklichen Gestaltung entsprechen die Gitter vollkommen den barocken Vorlagen.

    Die horizontale Blick-Bewegung des Betrachters, die durch die Fenstergestaltung von Manfred Erjautz provoziert wird, ist eine im Kapellenraum logische Ergänzung zum starken vertikalen Bild- und Gedankennfluss des Dreifaltigkeitsaltares. Der höchst qualitätsvolle Altar stammt von Philip Jakob Straub aus dem Jahr 1770. Der dreifaltige Gott offenbart sich (Gottvater heraustanzend aus den Wolken, der Geist in ausfließenden Feuerzungen und Christus am Kreuz als extrem gelängte menschliche Figur) in einem vertikalen Kommunikationsfluß von oben nach unten, der durch das nach oben gerichtete flehende Händeringen von Magdalena beantwortet wird.

    Diese „Vertikale der erlösenden und heilenden Selbstmitteilung Gottes“ wird von Manfred Erjautz durch den Einsatz einer einfachen bildnerischen Geste in eine dynamische Horizontale eingebunden. Die linke Fensterwölbung, die nach Innen ausragt, findet in der Wölbung des Glases und Gitters nach Außen auf der gegenüberliegenden Seite ihre logische Fortsetzung. Ein horizontaler Energieschub, eine wie auch immer deutbare Druckwelle ist überzeugend nachvollziehbar. Durch den klaren bildnerischen Eingriff von Erjautz wird der gesamte Raum in ein geistiges Geschehen eingebunden.

    Das Betrachten des Altares erhält eine nachvollziehbare Erlebnisdimension, die die dargestellte Heilsdramatik verstärkt und (fast fühlbar) näher heranbringt. Außerdem greift das abgebildete und dramatisch inszenierte Geschehen über den Kapellenraum hinaus.

  • Transparente Farbglasscheiben, Farbanstrich | 2008

    Die Künstlerin Flora Neuwirth übernimmt die ursprüngliche Einteilung der Glasfenster in 8 Felder. Die Farbe Magenta kommt sowohl in transparenter Weise bei den Gläsern vor (Doppelscheibe mit Farbfolie dazwischen), als auch im Anstrich der verbindenden Eisenstege und als Wandfarbe in der Fensterlaibung.

    Der unterschiedliche Einsatz derselben Farbe – transparentes Glasfenster, Objektfarbe, Wandmalerei – führt auch vor Augen, dass es in der kirchlichen Bildtradition Farbwirkung durch das Filtern von einstrahlendem Sonnenlicht erzielt wird (traditionelle Glasfenstermalerei), durch das Bemalen von Objekten (Altaraufbauten, Skulpturen, …) und durch den Auftrag von Farbe auf Wand (klassische Wandmalerei).

    Die Farbe Magenta ist eine der drei Hauptfarben im standardisierten Vierfarbendruck (CMYK-System: Cyan, Magenta, Yellow und K für Kontrast), mit dem all unsere alltäglichen Druckwerke hergestellt werden. Die Reduktion auf eine Farbe ist der Versuch einer modellhaften Reduktion des Vielen (unüberschaubare Menge von Druckwerken, Bilderfluten in den Medien und in der Werbung, …) auf einen Grundbaustein, um zu einer Wahrnehmung des Wesentlichen zu kommen.

    Zugleich aber zielt die riesige Farbfläche der einen Farbe auf ein Überwältigen des Betrachters ab, der in das Erlebnis von (Farb-)Fülle abtauchen kann oder auch davor zurückschrecken wird. „Who is afraid of Magenta?“ könnte man in Abwandlung eines berühmten Bildtitels von Barnett Newman fragen. Eine Farbe wird im Erleben des Betrachters zur Erfahrung des Ganzen.

    Flora Neuwirth verwendet somit einen minimalen Baustein alltäglicher Lebenswelt und setzt ihn so konzentriert und massiv ein, dass er die Erfahrung einer übergreifenden Dimension möglich macht. Die durchaus meditative Qualität des transparenten Magenta-Fensters wird noch durch die Farbfilterwirkung unterstrichen. Alles, was sich im Ausblick auf die gegenüberliegende Häuserfront oder im Blick auf Wolkenformationen erfassen lässt, erscheint verwandelt im Magenta-Farbton.

    Der Betrachter steigt ein in ein faszinierendes Spiel optischer Transformation – und erlebt vielleicht mehr als nur das.

  • Markus Wilfling, o.T.

    Tür in Fenster montiert | 2002

    Gewohntes Erkennen und Begreifen wird durch das Glasfenster von Markus Wilfling an eine Grenze geführt. Der steirische Künstler hat im Herbst 2002 durch seine unaufdringliche, aber umso effizienter wirkende Kunstarbeit eine paradoxe Situation geschaffen. Eine aluminiumgerahmte Glastür, wie man sie im Handel erhält, schwebt in einer freien, transparenten Glasfläche.

    Eine Tür im Fenster, ein interessanter und lächerlicher Widerspruch zugleich, ein Nonsens als Sehhilfe. Ein erster biblischer Bezug lässt sich im Buch der Offenbarung finden. Der apokalyptische Seher Johannes sah eine geöffnete Tür am Himmel. Prophetisch sah er das, was ist, und all das, was sich hinter der Oberfläche des aktuellen Weltgeschehens abspielt.

    Durch die Tür im Fenster wird der sakrale Raum als abgeschirmter, isolierter Raum in Frage gestellt. Natürliches Licht dringt ungebrochen in den Kirchenraum. Der Bezug und Gegensatz von außen und innen, alltäglicher Welt und sakralem Kultraum wird bewusster wahrnehmbar. Das Profane und Heilige befindet sich in einem versöhnten und zugleich streitbaren Verhältnis.

    Eine Tür im Fenster kann verstanden werden als eine Tür am Himmel, ein Hoffnungszeichen, dass unsere menschliche Existenz nicht nur bodenlastig ist, sondern einen himmlischen Bezugspunkt hat. Menschliche Geschichte ist trotz allem mehr als nur eine Geschichte der Sieger, eine Geschichte des ständigen Kampfes, der himmelschreienden Ungerechtigkeit und des Todes. Eine Tür am Himmel ist ein starkes Zeichen. Ein Wort Jesu könnte als direkter biblischer Bezug dienen:

    „Ich bin die Tür. Wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden.” (Joh 10,9)

    So kann die Tür im Fenster auch als Verweis auf Christus verstanden werden. Er ist der Zugang zum unergründlichen Geheimnis Gottes und gleichzeitig die Tür zu einem tatsächlichen Verständnis, was der Mensch in seinem tiefsten Wesen ist. Der menschgewordene Sohn Gottes ist die Schnittstelle zwischen Himmel und Erde. und als Gekreuzigter und Auferstandener die Tür zu einem neuen Leben.

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